Musik

Musik (Praticable) is a search for the motivations and origins of moving, dancing, being there in present time and how this can relate to music, sounding, vocalizing, breathing, being there again... A space between texture and form, seeing and hearing, perception and state, vibration and composition, forgetting and discovering, pleasure of dance and pleasure of music. Comparing musical terminology and concepts with physiology, choreographic writing and compositional elements in dance, Musik (Praticable) looks into the relationships between visual and auditory rhythms, between musical terms and organizations of bodies writing themselves in space like motifs, figures, polyphonic voices or body - landscapes.
’Rhythm appears as music when it invests the auditory level, and as painting when it invests the visual level.’ (Francis Bacon by Gilles Deleuze)

Concept & Choreographie: Isabelle Schad
Co-Choreographie and Interpretation: Alexander Baczynski-Jenkins, Jorge Gonçalves, Hanna Hedman, Nina Kurtela, Clement Layes, Arantxa Martinez, Sarah Menger, Sybille Müller, Eduard Mont de Palol, Ana Rocha, Lola Rubio, Nils Ulber, Marysia Zimpel
Light & Sound, artistic assistance: Bruno Pocheron
Software-development: Olivier Heinry
Advicer: Frédéric Gies und Odile Seitz
Assistence: Stefanie Knobel
Co-Production: Isabelle Schad, Mezzanine und Sophiensaele Berlin
Supported by: Hauptstadtkulturfonds
With the help of and in cooperation with: GDA - Gestão dos direitos dos artistas (Residency Support), fabrik Potsdam, Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz Berlin, Tanzfabrik Berlin e.V., Uferstudios

Polyphoner Tanz Isabelle Schads Großprojekt „Musik (Praticable)“ in den Sophiensaelen

(...) Aus den unterschiedlichen Raumkonstellationen der Körper, teils mit gleicher Armhaltbewegung, alles noch in der Stille, formt sich beinah unvermerkt Tanz, der alle erfasst und einem inneren Rhythmus folgt. Gut anzusehen ist jenes Fluten der Leiber, das in der Zusammenschau an eine tänzerische „Melodie“ erinnert. Als Chormusik von Bach einsetzt, verlassen alle wie auf der Flucht die Szene, nähern sich nur in kleinen Gruppen dem Klang, finden zurück zu ihrer flutenden Bewegung. Was erstaunt: Weder zum Text noch zur Musik sucht der Tanz eine nähere Beziehung. Jeder bleibt in seinem individuellen Material und geht langsam zu Boden, bis eine Art starrer Skulpturenpark entsteht. Als Bach leises Summen nachfolgt, verlagern sich die Plastiken in eine Diagonalfläche, schmiegen sich zu Gruppen, als ginge es um Beistand oder gemeinsame Trauer. Immer wieder flackert daraus Tanz auf, fast stets solistisch und ohne Bezug zu anderen. Wenn Kontakte stattfinden, in Umarmungen oder Bodenlagen, sind sie voller Zärtlichkeit.
Beinah traumwandlerisch vollzieht sich der Tanz, mutet oft wie eine strukturierte Improvisation an. Dem widersprechen die End- und Treffpunkte von Bewegung. Völlig frei, ungebunden ist sie, erlaubt auch den Zusammenprall im Raum. Dann ergibt sich eine konkrete Form: Aus der Reihe wird ein durch den Raum wandernder Pulk; als er durch die Mitte vorströmt, überkommt ihn wieder Bach-Musik, leise erst, dann in Vollton. Wieder reagiert der Tanz nicht anders als vorher, leichtfüßig gehüpft federn sich die tänzerischen Einzelwelten der Akteure vom Klang ab, bis aus dem Wirbel ein Fluss wird, dem man mit den Augen wieder gern folgt. Die barocke Musik fällt gewissermaßen in den Tanz ein, behindert ihn eher, als dass sie ihn inspiriert, sich auf sie einzulassen. „Schweigt“ singt der Tenor: Als Minimalreaktion heben sich erneut die Arme, voll Sanftheit bilden sich zu sechs Gruppen verklammerte plastische Gebilde, die ihre Position ganz leicht ändern. Hell leuchtet dann die Fläche auf, als sich die Tänzer in die Anfangsstellung am Rand begeben. Rhythmus reinen Tanzes haben sie gezeigt (...). (Volkmar Draeger, tanznetz.de)

Musik (Praticable)
Text
von Stefanie Knobel (Auszug)
Angewandte Theaterwissenschaften Gießen


Musik will aufgefaltet werden, die Schichten des Chorals bringe andere Zeithorizonte herbei. Nach und nach verwurzeln sich die Körper am Boden in dreifüßigen Formationen, um dem Choral Platz zu einer größeren Beschleunigung zu geben. Als ob die Körper wüssten, dass Bachs Choral nun abheben und über sie hinweg fliegen möchte. Der unaufhörlich ansteigenden Geschwindigkeit geschieht kein Abbruch und als der Choral unmerklich zu Ende ist, wandert die freigesetzte Resonanz im Raum, kehrt in die Körper ein und lässt sie räsonieren. Ton und Licht führen durch Wellen den Zuschauerraum in den Bühnenraum und tragen jetzt die Resonanz. Die Verschiebungen ereignen sich horizontal, sind ein Wandern, ein Wandern als Tiere zu anderen Territorien. Sie transformieren den Schall, was in der Wegstrecke sichtbar wird, im Zwischenraum, in der Spur, wenn die Körper ihre Territorien verlassen und einen Weg zurücklegen, um sich woanders im Raum wieder zu re-territorialisieren.
Insistierende Schwingungen, bei allmählichem Abtragen und Auftragen der Landschaft.
Die Körper nehmen hybride Formen an. Die neue Stofflichkeit fühlt sich träumerisch, exotisch, fremdartig, performativ und künstlich an. Sie ist ein Virus, der meine Empfindungen manipuliert und mich in jenes fieberhaftes Delirium versetzt, das die Sinne wacher und empfindlicher werden lässt. Ich werde in einen Zustand äußerster Aufmerksamkeit gebracht. Feinste Veränderungen der Lautstärke, feinste Veränderungen in der Bewegungsintensität. Ich erhebe Anspruch auf das, was hier passiert, ich will, dass sich alles gemäß meiner inneren Empfindung bewegt: „Accentuation qui insiste, qui insiste, qui despotiquement insiste, qui revient, qui ne lâche pas, qui augmente la présence, qui hallucine, qui invite à la foi, qui est déjà la foi [...]“ (Henri Michaux). Dieser Trip lässt meine Wahrnehmung mehr als zuvor zu meiner werden. Ich halte mich im Dazwischen der Bewegungen auf und lasse mich von den Räumen treiben, die sich zwischen den bewegten Körpern öffnen und wieder schließen. Musik erschafft sich selbst auf einer immanenten Ebene, hat man sich einmal auf den Trip begeben, wird man seine Urteilskraft verlieren und man wird hören.
Das Auf und Zu wird von einem Gespenst betrieben, das der Score ist. Der Score ist ein schwaches Gesetz, er regiert die Musik durch diejenigen hindurch, die Musik erzeugen. Die Körper selbst.

Fotos: Renata Chueire

Published 29 August 2011