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Das Spiel der Gebeine
Isabelle Schad wird mit dem Deutschen Tanzpreis Aktuell geehrt und zeigt ihr neues Stück „Reflection“

pic: D.Hartwig, all rights reserved.
Anfang April wurde bekannt, dass die Berliner Choreografin Isabelle Schad den Deutschen Tanzpreis Aktuell erhält, die „Ehrung für herausragende Entwicklung im zeitgenössischen Tanz“. Jetzt sitzt Schad im Foyer des Hebbel-Theaters. Die Generalprobe ihres neues- ten Stücks „Reflection“ ist gerade vorbei. Nachdenklich schaut sie einen an. „Ja“, sagt sie, „die Ehrung hat mich wirklich überrascht.“
Ziemlich schräge Sachen
Vor 20 Jahren hat die inzwischen 49- jährige Schad in Berlin ihre erste Arbeit herausgebracht und seitdem, aller mangelnden und zu geringen Förderung zum Trotz, immer weiter gemacht, immer weiter geforscht an den Dingen, die sie interessieren. Body Mind Centering, Embryologie, spirituelles Aikido. Ziemlich schräge Sachen also. Erst recht für eine Tänzerin, die eine klassische Ballettausbildung absolvierte und sechs Jahre in klassischen Compagnien tanzte bevor sie sich überhaupt dem zeitgenössischen Tanz zuwendete. Genau für die sehr eigenwilligen Ästhetiken und Vorgehensweisen, die auf diesem Weg entstanden sind, wird Schad jetzt geehrt. Mit dem − neben dem Hauptpreis, der für ein Lebenswerk vergeben wird − renommiertesten Preis, den man in Deutschland im Tanz überhaupt erhalten kann. Ausgezeichnet wird sie für ihre Formen des kollektiven Arbeitens, die darauf basieren, den Körper als ein ständig in Metamorphosen befindliches Wesen zu begreifen.
In Kollektiven arbeitet Schad schon immer, vor fünf Jahren hat sie die Frage des Kollektivs auch ganz konkret ins Zentrum ihrer Arbeit gerückt. Mit „Reflection“ schließt sie diese Forschung nun ab. Zum ersten Mal arbeitet sie dafür auf einer großen traditionellen Theaterbühne. „Wir mussten sie überreden, sie wollte erst gar nicht“, sagt Ricardo Carmona, der Tanzkurator vom HAU und grinst. Aber dann hat sich Schad mit der Ernsthaftigkeit, die ihr in allem eigen ist, dem Apparat gestellt, sie hat ihn mit all seinen technischen Möglichkeiten, seinen historischen und sozialen Gegebenheiten untersucht − und jetzt ist es aufregend von Anfang an.
Die Bühne fängt zu kreisen an und erste Tänzer beginnen, mit und gegen die Drehrichtung zu laufen. Dann erheben sich Einzelne aus dem Publikum und gesellen sich dazu. Weitere kommen vom Rand dazu, und es werden immer mehr und mehr, die sich da oben in kleinen laufenden Gruppen zusammen tun, sich unaufhörlich auflösen und neu finden. Später werden Ärmel von dunklen Blusen hochgekrempelt, Unterarme leuchten fahl. Ein merkwürdiges, skulpturales Spiel der Gebeine beginnt, den entblößten Armen eignet etwas Maschinenhaftes. Andere stemmen auf allen Vieren die Fäuste in den Boden, ein wenig als wären sie Affen. Ein wenig auch als wären es Stangen oder Stelzen, die in den Boden gerammt werden. Warum laufen wir nicht auf unseren Armen?
Warum hat sich die Sache mit unseren Körpern nur so und nicht anders entwi- ckelt? Die Frage beginnt man sich beim Zuschauen ernsthaft zu stellen.
Auf einmal streift eine Tänzerin ihre Bluse ab, liegt mit nacktem Rücken da und wird von vielen Händen durchgewalkt, als wäre sie totes, pures Fleisch. Immer schneller begibt sich einer nach dem anderen in die wechselnden walkenden Hände. Pasolinis Film „Das Erste Evangelium – Matthäus“, sagt Schad, wäre für ihr Stück wichtig gewesen. Die Frage der Repräsentanz des Todes. Die Schwarz-Weiß-Bilder und dann dieser traditionelle Theaterraum, den Schad als ein Raum der Macht begreift. Mit seiner technischen Apparatur, mit seiner in Rängen angeordneten sozialen Struktur. „Dieser Apparat ist stärker als wir, genau wie die Natur“, sagt sie. Nicht dass sich das beim Zuschauen konkret fassen las- sen würde. Dafür arbeitet Schad viel zu assoziativ. Aber wenn auf einmal leise aus dem Hintergrund Bachs „Matthäuspassion“ ertönt und die Tänzer auf der Bühne ihre Arme und Ellenbogen spielerisch frei schwingen lassen, taucht für einen Moment so etwas wie Freiheit und Glück auf, das gleich wieder verschwindet in neuen Ordnungen der Macht, des Werdens und Vergehens.
In gewisser Weise ist diese Premiere genauso wie die Auszeichnung mit dem Deutschen Tanzpreis Aktuell auch ein Politikum. Schon im vergangenen Jahr hatte die Süddeutsche Zeitung gestaunt, dass es jemand wie Isabelle Schad überhaupt gibt. Jemand der zwanzig Jahre künstlerisch immer weiter wächst. Denn den meisten Künstlerinnen geht, ob der nicht ausreichenden Förderung, mit der Zeit die Luft aus. Dass sie selbst, trotz des internationalen Erfolges, den sie schon seit vielen Jahren genießt, noch nie anders als in prekären Verhältnissen gelebt hat, das hat Schad vor einigen Monaten auf einem Kongress zur Zukunft des zeitgenössischen Tanzes in Berlin selbst berührend geschildert.
Für die große Bühne
Wie sich die Tanzförderung ändern wird, wird die nähere Zukunft weisen. Dass Schad nun zumindest in größerem Rahmen produzieren kann, ist dem Engagement des HAU zu verdanken. Denn auch das ist eine Mär, dass es in Berlin nicht genug Choreografen gäbe, die für große Bühnen produzieren könnten.
Berliner Zeitung, 31. Mai 2019 - Von Michaela Schlagenwerth

Wenn die Mechanik die Oberhand gewinnt
Isabelle Schad beim Performing Arts Festival Berlin

Isabelle Schad, die kleine, starke Körperforscherin, rückt nach 20 Jahren kontinuierlicher Feinarbeit als Soloperformerin und Gruppenbewegerin urplötzlich mehr ins Licht der Öffentlichkeit. Geplant hat sie das nicht, denn den üblichen Egostrukturen und Dualismen des „best off“, versucht sie in ihrem alltäglichen Aikidotraining zu entkommen, um zu einem Gleichgwicht der Kräfte zu gelangen. Diese starke spirituelle Praxis wurde zum Fundament ihrer choreografischen Arbeitsweise an der Schnittstelle zwischen Tanz, Performance und bildender Kunst, ebenso wie das Hineintauchen in die Entfaltungsprozesse des Lebens, der Verkörperung der Embryologie, wie sie in der somatischen Praxis des Body-Mind Centering erfahren wird. Eher etwas für Kenner und Spezialisten am Rande der harten Muskel- und Knochenarbeit in den Ballettsälen der Welt.
Dass Isabelle Schad nun der Deutsche Tanzpreis verliehen wird für „herausragende Entwicklung im zeitgenössischen Tanz“, hat sie selbst am meisten überrascht. Ist es doch die höchste Ehrung in der Welt des Tanzes hierzulande und längst überfällig. Sie sah ihre oft nur knapp geförderte, international überaus geschätze Arbeit eher an der Peripherie jeder Spektakularität, also im Off, obwohl sie vor ihrer Transformation in die Forschungswelt der Zellstrukturen, auch sechs Jahre in Ballettkompanien getanzt hatte. Als hätte sie es geahnt, wagte die Choroegrafin mit ihrem jüngsten Werk „Reflection“ bereits den Sprung ins größte und schönste Berliner Tanzhaus. Mit 14 TänzerInnen begab sie sich Schritt für Schritt ins Mahlwerk der gewaltigen Theatermaschinerie des traditionellen Hebbel-Theaters (HAU 1) und vor ein großes Publikum.
Es ist kein frohes Opus, eher eine düstere, poetische Passion, in der Menschen aus dem Zuschauerraum, vom Sog der Drehbühne angelockt, in ein Kollektiv hineingezogen und wieder ausgespuckt werden. Die soziale Struktur des historischen Ranglogentheaters von 1908 mit seinem hochkomplexen Bühnenapparat samt Hängern, Zügen und Versenkungen spiegelt für Isabelle Schad Macht wider. Dieser Macht der Technik, der Kontrolle, kann und muss sich der tanzende Mensch hier unterwerfen, er schwimmt mit – oder er widersteht, stemmt sich mit seiner eigenen Biomechanik gegen die Schwer-, die Flieh- oder Zentrifugalkraft. Aber die Mechanik ist stärker, gewinnt die Oberhand, wie die Natur. Wie Planeten im All halten die Individuen Abstand, bewegen sich in einer Synchronizität, ohne zu einem marschierenden Machtkörper zu werden. Jeder Einzelne, so will es die Choreografin, hat die Freiheit Nukleus zu sein, treibende Kraft, Protagonist, Opfer oder Samenkorn, um den sich die Gruppe bildet oder reagiert. Jeder schreitet und schwingt im eigenen Rhythmus und doch scheint es, als täten es alle gleich, nur minimal zeitversetzt – so wie in biologischen Prozessen ein Impuls den anderen ablöst, Äußeres zum Inneren mutiert und Form gebiert.
Den geräuschvollen Mechanismen der Bühnentechnik setzt das Kollektiv Verzahnungen von Gliedern entgegen, ein Dialog der Gebeine beginnt. Seltsam monströs und unorganisch wirken die Unterarme, wenn sie vermessen, verkantet, gestapelt werden. Wenn Fäuste sich in den Boden stemmen wie Füße und sich die Frage stellt, warum der Mensch nicht auf den Armen geht. Hier gibt es keine Hierarchie der Körperteile mehr. Kettenreaktionen, Verknotungen und Rotationen bilden sich mit Beinen und liegenden Torsos. Es sind sprechende Skulpturen, langgliedrig. Luftiger werden sie mit aufgeplusterten Blusen und Hemden, deren Stoffe sich zu Verbindungen formen wie Faszienzüge und viel Haut sich entblößt. Nackte Rücken werden gewalkt, Haut als Zug- und Transportmittel benutzt. Sind sie tot oder lebendig, diese Wesen, wenn sie sich in Wellenrhythmen den Manipulationen aussetzen, wenn Ketten zerbrechen, Greifarme zu zerbröseln scheinen?
Wer das feine Begleitheft mit philosophischen und erfahrungsbetonten Texten zum Stück gelesen hat, findet die Inspirationsquelle für „Reflection“. Es ist Pasolinis Film „Das Erste Evangelium – Matthäus“ (1964), von dessen harten Schnitten, Schattierungen und der Bilderwucht der Jesusgeschichte sich Isabelle Schad und ihre Gruppe leiten ließen. Es ist die Gegenwart des Todes. Die Matthäus-Passion wirkt für sie, die mit Bachs Musik aufwuchs, wie eine Metapher wiederkehrender Fragen des Lebens: Desaster und Krieg wie auch Schönheiten und Wunder inbegriffen. Dies alles darf sich als Subtext in den abstrakten, konkreten, formalen, filigranen Spielanordnungen und Metamorphosen von „Reflections“ verbergen. Dem Schlusschor „Wir setzen uns mit Tränen nieder“, der am Ende anschwellend zu hören ist, während sich der eiserne Vorhang wieder schließt vor dieser gewaltigen Theatermaschinerie, die hier Mitakteurin war, ist das Publikum erschüttert ausgesetzt.
Wenn der Deutsche Tanzpreis am 18. Oktober in Essen im Rahmen einer Tagung über ethische Fragen in Tanz, Kulturpolitik und Gesellschaft an die drei Preisträger – den Fotografen Gert Weigelt (er bekommt den Hauptpreis für sein Lebenswerk), die Tanz- und Videokünstlerin Jo Parkes und Isabelle Schad – verliehen wird, ist auch „Collective Jumps“ zu sehen. Es war der erste von drei Teilen einer fünfjährigen Bewegungsrecherche über kollektive Körper, den Isabelle Schad mit dem bildenden Künstler und Philosophen Laurent Goldring entwickelt hat. Mit „Reflection“, der aktuellen Gruppenpassion, fand diese intensive Forschungsreise nun vorerst ein Ende.
11.06.2019, Berlin, tanznetz.de - Von Irene Sieben

Published 14 June 2019